Ballondilatation
In den letzten Jahren haben in Deutschland Aufdehnungen verengter Herzkranzgefäße mit einem Ballon (PTCA = Perkutane Transluminale CoronarAngioplastie = Ballondilatation) enorm zugenommen. Es ist ja auch so verlockend: Gefäß verengt, die Verengung wird einfach weggepustet, das war´s schon! Für den Kardiologen sehr attraktiv, da er unmittelbare Therapieerfolge sieht. Für den Patienten sehr angenehm, da er seinen Lebensstil ja nicht verändern muss.
Mit einem Ballon
wird die Engstelle aufgeweitet,der Stent soll das Gefäß dann offen halten. Leider waren etwa ein Drittel der Gefäße nach einigen Monaten der Ballondilatation schon wieder zu. Doch die Technik half auch hier weiter: In das aufgedehnte Gefäß wird meist ein winziges Maschendrahtgitter (Stent) eingefügt, welches das Gefäß offen halten soll (was leider auch nicht immer gelingt). Kritiker – nicht nur „Alternativmediziner“ – sprechen sogar von einer deutschen „Stentomanie“: Wer nicht bei drei auf den Bäumen ist, bekommt einen Stent eingesetzt. Der Naturheilkunde wird ja immer wieder vorgeworfen (teilweise zu Recht), dass sie ihre Methoden wissenschaftlich nicht absichert. Schulmedizinische Kritiker fordern Studien, die eine Methode im Vergleich zu einer Scheinbehandlung oder zu einer anderen bewährten Therapie bewertet. Die Schulmedizin muss sich jedoch einmal an die eigene Nase packen: Seriöse Schätzungen gehen davon aus, dass die Wirksamkeit von über 90 % aller schulmedizinisch eingesetzten Medikamente und Verfahren nach strengen wissenschaftlichen Kriterien nicht als belegt gelten kann. Für Kombinationen verschiedener Verfahren (z.B. drei oder vier Herzmedikamente, wie es bei entsprechenden Patienten die Regel ist) gibt es praktisch gar keine wissenschaftlichen Daten. Nun hat sich eine Arbeitsgruppe der Universität Leipzig auf den Weg gemacht, für Klarheit zu sorgen. Sie haben 101 freiwillige Patienten mit einer mindestens 75%igen Verengung eines Herzkranzgefäßes, stabiler Angina pectoris (Herzschmerzen bei bestimmten körperlichen Belastungen) und guter Herzmuskelleistung in die Studie aufgenommen. Normalerweise sind das die typischen Patienten für eine Ballondilatation plus Stent. In diesem Fall wurden die Patienten jedoch zufallsmäßig in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe erhielt die bewährte Standardtherapie, nämlich die Ballondilatation plus Maschendraht. Den Teilnehmern der anderen Gruppe wurde diese anerkannte Therapie vorenthalten (eine Ethikkommission hatte die Studie genehmigt). Sie durften „nur“ Sport machen. Nach einer zweiwöchigen Anlernphase sollten sie zuhause täglich 20 Minuten bei 70 % der maximalen Leistung trainieren – also ein moderates Ausdauertraining absolvieren. Außerdem hatten sie eine gemeinsame Gruppenstunde pro Woche. Resultate: Nach einem Jahr waren die „Sportler“ etwa 20 % leistungsfähiger geworden, die „Ballonfahrer“ blieben unverändert. Die entscheidende Frage war aber: Wie häufig mussten die „Versuchskaninchen“ notfallmäßig ins Krankenhaus, wie oft hatten sie Herzinfarkte oder mussten sich einer Bypass-Operation unterziehen. Bei den Sportlern war dies 6mal, bei den Ballonfahrern hingegen ganze 21mal der Fall! Ausdauersport erwies sich unter den oben aufgeführten Bedingungen der Ballonaufdehnung als signifikant überlegen – nebenbei: Billiger war das Ganze auch noch. Die Studie wurde Anfang 2004 in der Zeitschrift „Circulation“ publiziert. Dies ist nicht etwa eine medizinische Bäckerblume, sondern eine der angesehensten kardiologischen Fachzeitschriften überhaupt. Ich sehe schon die Konsequenzen dieser Studie vor mir: Die Bundesgesundheitsministerin wird in Stellungnahmen und Aufklärungsschriften den Wert des Sportes betonen, die Kardiologiegesellschaften werden Leitlinien herausgeben, dass Herzkranke wie oben beschrieben nur dann eine Ballondilatation plus Stent bekommen sollten, wenn sie nicht in der Lage sind, Ausdauersport zu betreiben, die Krankenkassen werden Ballondilatation plus Stent (immerhin einige Tausend Euro pro Behandlung) nur noch ersetzen, wenn Ausdauersport aus gesundheitlichen Gründen wirklich nicht geht, die Kassen geben Zuschüsse zu Sportschuhen, verlangen aber eine 10%ige Selbstbeteiligung (natürlich sozial abgefedert), wenn der Patient lieber eine Ballondilatation wünscht. Ich sehe diese Konsequenzen, allerdings natürlich nur in meinen Träumen. Nichts dergleichen wird geschehen! Die Gesundheitspolitik hat nicht die Aufgabe, die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern, sondern nur Krankheit bzw. deren Kosten zu verwalten (zumindest ist nichts anderes zu erkennen). Die Kardiologen werden einen Teufel tun und sich ihre beste Einnahmequelle vergiften zu lassen. Solange sie für eine Ballondilatation ein Vielfaches dessen erhalten, was sie für eine Heranführung eines Patienten an den für diesen viel nebenwirkungsärmeren Sport bekommen, werden die meisten Herzpatienten nicht einmal davon erfahren, dass es eine Alternative zum Ballon gibt. Und den Kassen ist doch völlig gleich, ob sie das Geld für eine Ballondilatation oder etwas anderes ausgeben. Da das Budget gedeckelt ist, würden die Krankenkassen keinen Cent mehr haben, wenn nur noch halb so viele Ballondilatation en durchgeführt würden – sie müssten andere Leistungen dann höher honorieren. Sie haben bei dem bestehenden Vergütungssystem gar kein (wirtschaftliches) Interesse daran, dass weniger Leistungen erbracht werden. Den Preis für mehr und teurere Leistungen wie Ballondilatation en bezahlen nicht die Kassen, noch nicht einmal die Solidargemeinschaft der Patienten, sondern die Ärzte, die nicht diese teuren Leistungen erbringen und deren Tortenstück aus der gleich großen Torte ein bisschen dürftiger ausfällt. Ich habe übrigens schon einige Kommentare zu dieser Studie gelesen. Dass Sport der Ballondilatation in bestimmten Fällen überlegen ist, wurde noch nicht einmal bezweifelt. Es wurde angezweifelt, dass mehr als 20 oder 30 % der in Frage kommenden Patienten gewillt sind, regelmäßig Sport zu treiben, um die doch so bequeme Aufdehnung zu vermeiden. Ich befürchte, dass es in der Tat viele Patienten gibt, die so denken. Den anderen muss man aber zumindest die Chance geben, man muss ihnen die bestehenden Alternativen aufzeigen. Und selbst das wird wohl nur selten geschehen. Die Studie ist eine Sensation, ich falle jedoch in Resignation und glaube es wird so weitergehen: „PTCA as usual!“ Ersetzen Sie „PTCA“ durch den Begriff des Originalzitates, dann kennen Sie auch den Grund dafür.
„Fit wie ein Turnschuh“ –
möglicherweise besser im Kampf gegen diekoronare Herzkrankheit als kardiologische Eingriffe
Jeder Herzpatient hat
natürlich die Möglichkeit, sich selbst schlau zu machen und den unbequemeren,
aber besseren Weg zu gehen. Und der Sport wird ja noch durch die richtige
Hambrecht, R.C. u.a.: Percutanuos coronary angioplasty compared with exercise training in patients with stable coronary artery disease. Circulation, 109 (2004), 1371-1378 Dieser Artikel wird mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift „Naturarzt“ www.naturarzt-access.de abgedruckt. Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit
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